Mittwoch, 27. Juli 2016

Auf der VCA über die Alpen. I

Der Bericht dieser Reise ist in 5 Posts aufgeteilt. Der hier aufgerufene Teil I, der Erklärungen beinhaltet, dient der Einstimmung und beschreibt die Reisetage eins und zwei .

In den letzten 2 Jahren habe ich interessante Reiseradler kennen gelernt. Viele von ihnen waren oder sind immer noch auf großer Tour. Das es Fernreiseradler gibt, das ist im Radforum unübersehbar. Die dort veröffentlichten Reiseberichte habe ich intensiv "studiert". Auf verschiedenen Treffen des Forums für Fernreiseradler konnte ich mich mit Leuten unterhalten, für die das bezwingen von Bergpässen keine furchtbare Tortur ist, sondern als sportliche Herausforderung in Verbindung mit faszinierenden Naturerlebnissen gesehen wird. Schließlich fasste ich den Entschluss, auch das "Abenteuer" einer Alpenüberquerung zu wagen. Die Via Claudia Augusta schien mir eine Route zu sein, auf der ich es schaffen könnte. Ich zog meinen Internet-Freund Rainer Dornburg zu Rate und sah mir mehrfach seine Videos zum Thema Alpenüberquerung an. Nun sind viele Reiseradler, die über die Alpenkette radeln keineswegs nur junge, sportliche Athleten, nein, auch in meiner Altersklasse wagt der Eine oder Andere noch diese Tour.  Im Mai 2016 war es dann endlich so weit. Ich wollte es auch wagen. Es konnte losgehen.

    

Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher:


218 bis 201 vor Chr.


Im zweiten Punische Krieg kämpft ein Feldherr der Karthager gegen die sich immer weiter ausbreitende Macht der Römer, die bereits ganz Italien beherrschen. Sein Name ist Hannibal. Er entwickelt einen genialen Plan, der vorsieht, die Römer aus dem Norden anzugreifen. Seine Truppen werden mit Schiffen nach Spanien gebracht. Dort stellt er ein Heer zusammen, bestehend aus 50.000 Fußsoldaten, 9.000 Reitern und 39 Kampfelefanten und zieht nordwärts, durchquert die Toscana, schlägt einen großen Bogen und wählt eine Route über die Alpen, die ihn in die Poebene führt. Die genaue Route ist historisch nicht belegt. Überliefert ist, dass tausende von Reitern und Fußsoldaten bei der Überquerung der Alpen ums Leben kamen und lediglich einer der Elefanten diese Strapazen überlebte. Im Ergebnis aber, ist Hannibal die Alpenüberquerung gelungen. Wie die Geschichte weiterging erfährst du hier .

15 vor Chr.


Drusus der Ältere, römischer Feldherr und Adoptivsohn des Kaisers Augustus, meiner Meinung nach muss das der Augustus gewesen sein, der in der Weihnachtsgeschichte in der Bibel erwähnt wird, der die erste Volkszählung veranlasste, besagter Drusus der Ältere also, beginnt mit dem Ausbau und der Befestigung der Pfade, die Kelten und Etrusker nutzen, um in beide Richtungen über die Alpen zu gelangen. Drusus hat den Auftrag eine befahrbare Strasse zu bauen. Das gelingt nicht vollständig.

45 bis 46 n. Chr. 


Noch ein Drusus, diesmal Drusus der Jüngere, Sohn des römischen Kaisers Claudius befestigt die bereits vorhandene Trasse. Wo noch keine Strassen sind, wo die Wege und Pfade zwar begehbar, aber nicht mit römischen Wagen zu befahren sind, werden Strassen angelegt. Reste der Strasse, die die Zeit bis heute überdauert haben, sind an einigen Stellen, besonders deutlich im Forggensee bei Füssen erkennbar.

990 n. Chr.


Ein gewisser Sigerich der Ernste, Erzbischof von Canterbury pilgerte von Canterbury nach Rom und beschreibt seine Reiseerlebnisse. Er festigt den Begriff des Pilgerwegs  Via Francigena , ein Weg der sich bis heute großer Beliebtheit erfreut, ist er doch nach dem Jacobsweg einer der Bekanntesten. Sigerich pilgerte zwar nicht auf der VCA, aber er überquerte die Alpen. Zu Fuß. 

18. Mai 2016 n. Chr.


Ich trete an, um mit dem Fahrrad von Donauwörth nach Venedig zu fahren. Soweit es geht, habe ich vor, mich auf der Via Claudia Augusta zu bewegen Heute zählt der gleichnamige Radweg zu den einfachen und leicht zu bewältigenden Routen über die Alpen. So steht es jedenfalls in den Reiseführern. Ich vertraue denen, packe mein Gepäck und nehme einen frühen Zug von Lübeck nach Donauwörth.

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Tag 1, Mittwoch, 18. Mai 2016


Von Donauwörth nach Graben, ein Dorf bei Lagerlechfeld


7 Stunden Bahnfahrt liegen hinter mir, als ich um 13:10 Uhr in Donauwörth aus dem Zug steige. Ich will mich unbedingt noch ein bisschen bewegen, Kilometer machen, mich körperlich belasten, um auf die nächsten Tage gut vorbereitet zu sein. Das Wetter spielt mit. Sonne, kein Wind, angenehme Temperaturen, beste Voraussetzungen für eine Radtour. 

2 kleine Taschen und Isomatte vorne, 2 große Taschen und Zelt hinten, dazu die Lenkertasche. Ganz gut bepackt. 


Der Bikeline-Reiseführer soll mir vorwiegend als Karte zur groben Orientierung dienen.


Ich steige aus dem Zug. Kein Mensch zu sehen. Ein Blick auf das Schild zeigt mir, dass ich richtig bin. 


Erinnerungsfoto am Startpunkt. Ich freue mich auf die VCA. Was erwartet mich? Bekomme ich Schwierigkeiten wegen der doch ungewohnten Höhen, die vor mir liegen? Schließlich überquere ich die Alpen. Das ist keine Wochenendtour in der ostholsteinischen Schweiz und auch keine Wochentour im deutschen Mitelgebirge.  Eine kleine Anspannung spüre ich schon. Was soll`s. das Wetter ist schön und ich bin guten Mutes. Also los.

Ein sicherer Hinweis, dass ich auf der VIA Claudia Augusta, kurz VCA bin. 

Ich suche den Weg aus der Stadt. Der ist schnell gefunden. Dass ich die Donau überquere, wird mir erst Stunden später bewusst, als ich längst am Lech entlang fahre und darüber nachzudenken beginne, was das wohl für ein Fluss sein mag, an dessen Ufer ich auf nicht enden wollenden Schotterwegen folge. Der Lech begleitet mich bis Augsburg.  



Ich hab noch nie so viele Leute auf  Strassenpflaster am Boden sitzen sehen, wie auf dem Marktplatz in Augsburg. Und das ohne erkennbaren Grund.




Viel Zeit verbringe ich hier nicht. Ich will einen Campingplatz finden. Es rollt aber immer noch gut, so dass ich weiter fahre. Am Lech entlang, auf Schotterwegen. 



Im Nachhinein stelle ich fest, dass ich genau so gut die Bahn bis Augsburg hätte nutzen können, anstatt in Donauwörth auszusteigen. Von Donauwörth nach Augsburg zu radeln, hat mir absolut nichts gegeben. Die Strecke ist langweilig, der fast ausschließlich geschotterte Weg, und mag er sich auch mit Recht als Teil der Via Claudia Augusta bezeichnen, ist öde. Zu sehen gibt`s nix. Das hab ich jetzt davon. Ich höre überdeutlich und mehrfach Jürgen`s ungläubige Nachfrage: " Willst du etwa durch das langweilige Ried fahren? Warum fährst du nicht in Augsburg oder besser noch, in Füssen los?"

Eine Abwechselung gibt es allerdings doch noch, und das ist die Kanu-Slalomstrecke der olympischen Spiele von 1972. Kaum zu glauben, dass das eine Austragungsstätte eines olypischen Wettkampfs gewesen sein soll. Sieht eher aus, wie die Trainigsstrecke eines einheimischen Kanuclubs. 



So, das wäre abgehakt. Jetzt wird es Zeit an einen Platz für die Übernachtung zu denken. Erst einmal raus aus der Fuggerstadt. Im Park, der einen recht guten Eindruck macht, will ich nicht bleiben. Das Risiko, als Wildcamper verjagt zu werden, ist mir dann doch zu groß. Da haben wir`s. Wildcampen. Das hatte ich auf dieser Tour auch eingeplant. Sollte es heute, am ersten Tag der Reise schon so weit sein? Ein Blick in den Reiseführer Bikeline, nein mehrere Blicke in den selben, geben keinerlei Aufschluss oder Hinweise auf Camping in zumutbarer Entfernung. Also weiter. Irgendwann, als ich einen kleinen Schlenker mache, fällt mir ein Jesuskreuz auf. Drei Bänke stehen im Halbkreis dahinter und noch weiter hinten eine Wiese mit angrenzendem Wäldchen. Das sieht gut aus. Mal kurz überlegen: Wasser? Brot? Wurst und Käse? Rotwein? Nudeln? Pesto? Alles dabei. Also los. Hier werde ich also die erste Nacht verbringen. 

Bevor ich mein Zelt aufstelle, bereite ich mein Abendbrot vor. Heute gibt es Nudeln und Pesto. Dazu ein Glas Rotwein. Während ich damit beschäftigt bin, werde ich ja sehen, ob viele Leute vorbei kommen und ob das Risiko einer nächtlichen Entdeckung groß, gering, oder gar unwahrscheinlich ist. Letzteres ist der Fall. Welch ein Glücksfall, das stellt sich aber erst später in der Nacht heraus. 


Nach dem Essen, es beginnt schon zu dämmern, werden die Essensachen zusammengepackt, das Fahrrad von den Packtaschen befreit und ich versuche mein Zelt aufzustellen. Das Gras ist mehr als einen Meter hoch. Beim Ausrollen des Zelts verhakt sich irgendwo etwas. Ich komme einfach nicht klar. Wie schön, dass ich mir vor Antritt der Reise eine Stirnlampe gekauft habe. Die kommt jetzt zum Einsatz. Hoffentlich erzeuge ich da hinten im Dorf keine Aufmerksamkeit. Alles geht gut. Jetzt noch das Fahrrad ins Gebüsch stellen, abschließen, noch einmal angespannt und hoch konzentriert in die Runde lauschen, nichts, okay, dann ins Zelt und in den Schlafsack krabbeln. Gute Nacht.




Bevor ich das Licht ausmache, tausche ich noch SMSèn  mit Rolf vom ADFC Lübeck aus. Er sagt voraus,dass ich mich die halbe Nacht auf die Geräusche im Wald konzentrieren werde. Ich habe aber nicht den Eindruck, als wenn es hier Wildschweine, Wölfe oder gar Bären geben könnte. Ich fühle mich an diesem Platz gut aufgehoben und sicher. 


Mitten in der Nacht bin ich plötzlich hellwach. Ich weiß nicht warum, ist es wegen des Regens, der gerade eingesetzt hat und laut auf mein Zeltdach prasselt? Warum bin ich nur so unruhig? Der Griff nach meiner Lenkertasche, die normalerweise  neben mir im Innenzelt steht, geht ins Leere. Wo ist meine Lenkertasche? Ich leuchte den Innenraum aus. Ergebnis: NICHTS.  Beide Apsiden werden durchsucht. Ergebnis: AUCH NICHTS. Panik kommt auf. Gaaaanz ruhig, Ingo. Wo hast du die Lenkertasche zuletzt gesehen? Draußen auf der Bank beim "Jesus". Barfuß und in Unterhose stolpere ich durch hüfthohes, nasses Gras zu den Bänken. Da steht sie, meine Lenkertasche. Man kann sich vorstellen, wie erleichtert ich bin. Mit einem Stoßgebet  zum Herrn Jesus verschwinde ich wieder im Zelt. Den Rest der Nacht schlafe ich tief und traumlos. 

Die Fotos von meinem Lagerplatz (siehe oben) stammen vom nächsten Morgen. Es  regnet immer noch.  


Heutige Strecke: 94 km        Gesamte Strecke seit Tourstart: 94 km
Höhenmeter heute: 446 m    Gesamthöhenmeter seit Tourstart: 446 m 


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Tag 2,  Donnerstag, 19. Mai 2016


Von Graben (bei Lagerlechfeld) nach Füssen

Ich verzichte auf ein Frühstück und versuche alles trocken in den Packtaschen -und in der Lenkertasche- zu verstauen. Das gelingt gut. Das Zelt allerdings und meine Zeltunterlage nehmen beim Zusammenbau ganz gut Wasser auf. So ist das nun mal. Irgendwie macht mir das alles gar nichts aus. Zu sehr freue ich mich doch, dass des Nachts Niemand des Weges kam, um sich meiner Lenkertasche zu bemächtigen. Wäre das der Fall gewesen, hätte meine Reise nach Venedig schon am ersten Tag ein jähes Ende finden können. Ich beschließe von nun an immer achtsam zu sein und gut auf meine Sachen aufzupassen. So kann ich mich mit dem Regen ganz gut arrangieren und fahre los, mache mich auf die die Suche nach einem  Bäcker.


Da hinten irgendwo sollten jetzt die Alpen auftauchen. Ich sehe allerdings nur Regenwolken.



Ein Unterstand für das Vieh wird vom Bauern als Abstellplatz für einen Heuwender  genutzt. Ich nutze ihn für eine Trinkpause und für ein Telefonat mit "Zuhause", um den Daheimgebliebenen etwas  von meinem Scheißregentag vorzujammern.

Wer hat schon Lust bei Dauerregen zu fotografieren, ich jedenfalls hab keine. Deshalb hab ich weder den Bäcker, noch die nette Bäckerin oder Landschaften und Häuser fotografiert, statt dessen spule ich Kilometer ab. Ich wollte diese Strecke nach Füssen genießen, Tauchen doch hinter jeder kleinen Steigung die schneebedeckten Gipfel der Alpen auf, scheinen von Kilometer zu Kilometer näher zu rücken und an Größe zuzunehmen. Leider werde ich durch den Dauerregen um dieses schöne Erlebnis gebracht. Ein Grund mehr, hier im Allgäu eine weitere Tour zu fahren. 





Eine Stele zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich habe sie zwar schon bei der Internetrecherche während der Planungsphase mehrfach gesehen, aber ich dachte, wenn es sonst nichts zum Fotografieren gibt, dann wenigstens diese Stele.

Sie gibt Auskunft über die Via Claudia Augusta. Ich muß das an dieser Stelle nicht nochmals wiederholen, hab ich doch weiter oben im Abschnitt " Ein Blick in die Geschichtsbücher" schon das Nötigste erklärt. 

Die Bank, die hier steht, lädt zur Rast ein. Gelegenheit, den Blick über die sanften Hügel des Alpenvorlands schweifen zu lassen. Ich setze mich nicht drauf. Viel zu nass. Den Blick in die Runde, den tätige ich schon, aber außer Regenwolken ist nichts zu sehen. 

Genug gejammert, es geht weiter.

Manchmal, wenn ich von solchen Regentagen erzähle, fragt man mich, warum ich diese nicht in festen Gebäuden aussitze. Ja, das kommt auch schon mal vor. Besonders dann, wenn es richtig schüttet oder gar hagelt, oder wenn dazu noch starker Wind weht und womöglich Kälte herrscht. Ja, dann bleibe ich im Hotel oder steuere eines an. Aber so einfacher Landregen, der macht mir nichts. Solche Tage kann ich gut verkraften. Dann habe ich viel Zeit zum Denken und kann die Gedanken auch mal komplett zuende denken. 

Hätte ich allerdings gewußt, dass sich am nächsten Tag ein strahlend blauer Himmel zeigt, und dass ich am Ende der Reise tagelang auf einem Campingplatz "festgenagelt" sein würde, weil ich einfach viel zu schnell war, ja dann wäre dieser Regentag zu einem Ruhetag in Augsburg geworden. 







Da stehen dann plötzlich zwei römische Soldaten rechts und links am Radweg. Auch das ist keine Überraschung für mich, aber einen Fotostop wert.  

Ich habe den Forggensee erreicht. Man hat mir erzählt, dass dieser gestaute See im Sommer so wenig Wasser führt, dass man die alte Via Claudia Augusta, die mitten durch den See führt, noch genau erkennen kann. Ich hab sie nicht gesehen, hatte auch keine Lust zum suchen. So kurz vor dem Tagesziel Füssen hatte ich jetzt doch nur noch drei Gedanken: erstens ein schönes Hotelzimmer, zweitens einen deftigen Schweinsbraten und drittens ein schönes großes Bier.






                                                                                                         
In Füssen fahre ich zunächst zur Touristeninformation, um mich nach einem günstigen Hotelzimmer zu erkundigen. Meine Bitte um Hilfe bei der Beschaffung eines solchen war der jungen Damen wohl ein bißchen zuviel. Ihre Bemühungen beschränkten sich darauf, mir eine Liste der Hotels mit freien Zimmern und einen provisorischen Stadtplan auszuhändigen. Telefonieren könne ich ja sicher selbst. Mir fehlten die Worte über so viel Hilfsbereitschaft in einem Dienstleistungsbetrieb. 

Ich komme aus eigenem Antrieb und mit einigen Nachfragen zu meinem Wunschhotel, einem Bier und zu einer Haxe. Was will der Mensch mehr. Wozu brauch ich da eine Turisteninformation??? Herrschaftszeiten, Sachen gibt`s. So wird aus einer Mass Bier derer zwei, meine Sachen trocknen und ich freue mich auf das schöne Wetter, dass für die kommenden Tage angekündigt ist. 

Heutige Strecke: 93 km       Gesamtstrecke seit Tourstart: 187 km
Höhenmeter heute: 440 m   Gesamthöhenmeter seit Tourstart: 886 m


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